LRS – Interview mit einer Betroffenen

die inzwischen ihre Hochschulreife erworben hat…

Kira erinnert sich heute an die frühe Kindheit, wie sie beim Vorlesen oder beim Erzählen von Geschichten “sehr stur war” und veränderte Texte NIE akzeptierte. Sie hatte den Text abgespeichert und “wusste auf den Punkt genau”, geradezu zwanghaft, welcher Text auf den letzten Satz folgen musste.

“Wenn ich eine Sache kann, dann ist es auswendig lernen!”

Ein früher Test auf das Autismus-Spektrum-Syndrom erbrachte kein greifbares Ergebnis, spezifische Lernschwächen konnten nicht auffällig ermessen werden.
Mit Ende der Grundschulzeit hieß es, die Klasse Kiras sei insgesamt schwach, so dass bei Lernkontrollen nie aufgefallen ist, dass Kira den abgefragten Lernstoff auswendig gelernt hatte und so aufs Papier brachte.

“Kira konnte nicht schreiben, aber sie konnte prima Texte malen.“ (sagte ihre Mutter immer wieder mal…)

Diktate in der Grundschule lernte Kira immer auswendig. Da es bei geübten Diktaten blieb, fiel Kiras Lernschwäche nicht auf. „In Mathe hing die Klasse komplett hinten dran.“
So gelangen die geforderten Rechenoperationen in der Grundschule: Es kam nicht zu komplexen Aufgaben, die ein umfassendes Scheitern für Kira dargestellt hätten.
Im Gitarrenunterricht waren sie zu dritt. Kira hielt am längsten durch, allerdings nur weil sie es gewohnt war, dass das Üben zum Lernen dazu gehört: „Ohne Fleiß – keinen Preis!“ Die Fortschritte blieben klein, die Freude verschwand. Kira hörte auf, Gitarre spielen zu lernen.
Sehr gutes Zeugnis – mit Realschulempfehlung

Im Übergang zur weiterführenden Schule erhielt Kira eine Realschulempfehlung. „Hier waren aus heutiger Sicht alle Mängel aufgeführt, die auf meine Lernschwäche hinwiesen.“ Das Zeugnis war sehr gut und passte nicht zur Empfehlung.
Kira wählte ein Gymnasium aus, dass einige S-Bahn-Stationen entfernt war. „Es ist dann nicht die Schule, wo alle aus meinem Dorf hingehen. Wir fanden eine Ganztagsschule. Das Rauskommen aus meinem Dorf lohnte sich dann.“ Zunächst gab es keinen Platz. Im Losverfahren erhielt Kira anschließend den Zuschlag für das gewählte Gymnasium.
Kira kam mit einem sehr guten Notenbild und erhielt in der Klasse 5 schließlich in den ersten Klassenarbeiten in Mathe, Deutsch und Englisch öfter die Note 6. In Kiras Grundschule gab es keinen Englischunterricht, so dass Kiras Entscheidung fiel: „Ich lerne einfach mehr, dann wird es schon!“ Schließlich wiederholte Kira nach der Orientierungsstufe.
Dem neuen Mathelehrer fiel schließlich auf, dass Kira trotz vorhandener Rechenstrategien den Sinn hinter Textaufgaben nicht verstand. „Das Umsetzen vom Lesen in Zahlen gelang nie!“, so Kira. Zwei Lehrkräfte am Gymnasium äußerten schließlich die Vermutung, dass doch eine LRS vorläge. Kiras Eltern suchten eine LRS-Diagnostik in Neustadt auf.

„Die erste Therapeutin passte einfach nicht für mich als Kind.“

Für Kira war ganz klar: „Ich möchte besser werden.“ Nach einer wenig aussagekräftigen Diagnostik und einem Therapieansatz in Neustadt folgte eine erneute LRS-Diagnose mit einem Scoring von 2/15 in Mannheim. Hier ist nicht von einer Lernstörung, einer Lernschwäche, sondern gar von einer Legasthenie auszugehen. „Die LRS war somit viel ausgeprägter als in Neustadt angekündigt.“
Kira erhielt wöchentlich Therapie über zwei Jahre mit Hausaufgaben in Mannheim. Die LRS nahm inzwischen viel Raum ein im Alltag. Vor allem waren es die Gespräche, die halfen, die Lernschwäche psychisch zu bearbeiten.
Die üblicherweise aus der Grundschule bekannten Lernstrategien wurden in der Therapie aufgegriffen. Zu den Strategien zählte Kira auf: Sinnhaftigkeit des Schreibens an sich immer wieder klären, vom eigenen Schreibkonzept zum Rechtschreiben, Wortbausteine nutzen, Übungsformen für zu Hause, Karteikartensysteme, verschiedene Diktatformen nutzen, Klassenarbeiten als Leistungssituationen verarbeiten, immer die Hausaufgaben bearbeiten usw.
Auch heute muss ich jeden Satz dreimal lesen, um ihn inhaltlich richtig zu fassen.


Reihum-Lesen ist der Horror – Kunst hat keine Regeln!


„Jeder liest fortlaufend aus der Bibel einen Satz“. Hier habe ich mich wie in der Grundschule stets vorbereitet. „Es war nie die Sinnentnahme das Ziel, ausschließlich die Vorbereitung auf DEN EINEN Satz stand für mich vorne an.“
Erst später hat Kira die Möglichkeiten zur Texterfassung aktiv genutzt. Jeder Satz musste dreimal gelesen werden, um ihn wirklich zu verstehen. Den Satz technisch zu erlesen, die wichtigen Wörter rauszufiltern und Schlagworte zu markieren, den Sinn des Satzes im Ganzen zu verstehen, ist heute noch die zu leistende Arbeit!
Kunst war in der Schule für Kira das angenehmste Fach: „Kunst hat keine Regeln. Dann ist es OK. Meine eigene Vorstellung von etwas fühlte sich eben nicht „kaputt“ an, sondern war einfach eine veränderte.“


Latein als zweite Fremdsprache ist für Kira die bessere Wahl.


Im Gymnasium hat sich Kira schließlich für Latein entschieden. „Viel lieber hätte ich Französisch als lebendige Sprache gelernt, aber das Schreiben in Latein, wie man es hört, leuchtete mir ein.“ Auch der fünfte Fall, der Ablativ, half Kira, überhaupt einen Sinn der Grammatik zu erfassen. Vor allem das Verständnis für die Zeitformen in der Muttersprache sei besser geworden. Das Auswendiglernen in Latein erforderte am meisten Anstrengung. Kira durfte die Vokabel-Lernzeiten im Unterricht nutzen, indem sie dabei auf dem Gang hin- und herlief. Die Lehrkraft war hier für alle sehr stützend bei den individuellen Lerntechniken ihrer Schüler. Inzwischen galt für Kira auch ein sogenannter Nachteilsausgleich.

Alltag von 6:15 Uhr bis 22:00 Uhr


Der Alltag im Gymnasium bedeutete, um 6:15 Uhr aus dem Haus zu gehen. Um 16:00 endete die Schule. „Anschließend ging ich zum Wing Tsun bis 20:00 Uhr. Um 21:00 Uhr war ich dann zu Hause.“ Ohne Wing Tsun war Kira gegen 17:30 daheim. Jeden Tag wurde noch gelernt, aber wenn es ging, war um 22:00 Schluss. Der Mathe-Lehrer von damals hat Kira auch noch im Abitur durch unentgeltliche Nachhilfe unterstützt, obwohl er bereits den wohlverdienten Ruhestand erreicht hatte.
Die Fahrprüfung machte Kira mit den Erleichterungen, die es bei LRS gibt. Schaltwagen zur fahren, ist nicht ihr Ding und funktioniert auch von der Ablauf-Planung nicht gut. „Hier ähnelten die Schwierigkeiten denen beim Gitarre-Spielen“, bemerkte Kira.

Das Studium der Erziehungswissenschaften


Im Studium ist Kiras Strategie bisher, in jedem Seminar gut mitzuarbeiten. Die Texte zur Vorbereitung liest Kira nicht vor dem Seminar. Die Dozenten empfahlen ihr die aktive Mitarbeit. Da es sich bei den Leistungsüberprüfungen derzeit um Ankreuz-Tests oder Vorträge handelt, fühlt sich Kira aktuell wohl mit ihrem ersten Semesterabschluss. Eine ihrer Hausarbeiten handelt von ihrem Umgang mit der LRS, d.h. vom psychischen Erleben der Lernschwäche. „Fachbegriffe lerne ich wie früher einfach auswendig.“
Anfangs habe ich die LRS immer vertuscht. Heute sage ich zu mir: „Ja, ich habe LRS. Ich kann nichts dafür. Ich muss über alles dreimal drüber lesen.“
Kira arbeitet heute neben dem Studium in einem Restaurant. Sie ist spontan reingegangen und hat nach Arbeit gefragt. Sie passt gut ins Team und hat von allen die schönste Handschrift. So kam es, dass sie sich mit Ihrer LRS „outen“ musste. Sie schreibt sich jeden Anschrieb für die Tagestafel vor und lässt ihren Chef „drüber schauen“.
Das Einkaufen für sich selbst ist natürlich auch Ergebnis des Trainings im Familienleben. Vor allem Lebensmittel sind prima einzukaufen und mit den Abbildungen und Verpackungen sofort zu erkennen.

Übrigens ergab der Abschlusstest nach zwei Jahren Therapie in Klasse 9 ein Scoring von 11/15. Mit dieser positiven Veränderung hatte selbst die Therapeutin nicht gerechnet. Die LRS ist immer noch da, aber der Umgang mit der Schwäche ist bedeutend besser geworden.

Ich danke Kira Vogel für das Interview.
13.3.2025
Thorsten Heck

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